Beginnt Ihre Nachhaltigkeit schon bei der Auswahl Ihrer Lieferanten?
Ein Gespräch mit den Experten Ulrich Heindl, Geschäftsführer GTS (Global Traceability Solutions) und Mathias Kaldenhoff, Partner Sustainability & Innovation Management, SAP.
Wir erleben in vielen Branchen einen harten Kampf um Rohstoffe. Seit Jahren unterstützt GTS namhafte Retailer, Baumärkte, Möbelhersteller oder Nahrungsmittel-Produzenten ihre Lieferanten-Umfelder detailliert abzubilden und zu bewerten. Was kommt ab Januar 2023 auf Ihre Kunden zu, Herr Heindl?
Ulrich Heindl: Transparenz in Lieferketten ist kein neues Thema. In der Vergangenheit beschränkte sich allerdings die Umsetzung eher auf Lippenbekenntnisse als auf konkrete Aktivitäten. Sich ändernde Rahmenbedingungen wie Verfügbarkeit von Rohstoffen, Preisentwicklungen, Liefersicherheit und neue gesetzliche Vorgaben haben die Notwendigkeit nach Transparenz in den letzten zwei bis drei Jahren massiv verstärkt. Mit Jahresbeginn 2023 tritt das Lieferketten-Sorgfaltspflichtengesetz (Lieferketten-Sorgfaltspflichtengesetz – LkSG) in Kraft, welches initial Unternehmen mit mehr als 3000 Mitarbeitern verpflichtet, die Einhaltung von Arbeitsbedingungen, Menschenrechten und Umweltauflagen in ihren Wertschöpfungsketten zu erfassen, Risiken zu bewerten und bei Bedarf Abhilfe zu schaffen. Jetzt mögen viele denken, das trifft ja nur die großen Unternehmen.
Man muss sich allerdings vor Augen halten, dass ein Großteil der Zulieferer dem Mittelstand zuzuordnen ist und diese Unternehmen sind Teil der Risikobewertung.
Eine weitere Herausforderung ist ein neues Gesetz zur Reduzierung der Entwaldung durch Abholzung, insbesondere durch die Umwandlung von Wald in Agrarflächen. Betroffen davon sind in der jetzigen Fassung des Gesetzes Holz und Holzerzeugnisse sowie Agrar-Commodities wie Soja, Rindfleisch, Kaffee, Palmöl und Kakao. Unternehmen unabhängig von ihrer Größe sind verpflichtet, in Abhängigkeit verschiedener Risikofaktoren die Herkunft der Rohstoffe bis in den Ursprung zu verfolgen und nachzuweisen, dass keine Entwaldung auf den Anbauflächen stattgefunden hat. Teilweise müssen die Nachweise detaillierte Informationen über die Geolokation dieser Anbauflächen enthalten.
Anhand dieser beiden Beispiele ist erkenntlich, wie sich die Anforderungen für Unternehmen bezüglich Lieferkettentransparenz absehbar drastisch verschärfen. Das ist für viele Neuland und erfordert oftmals zusätzliche Ressourcen und Know-how, das nicht immer ad hoc verfügbar ist.
Was rät die GTS den Herstellern und Händlern angesichts der Marktsituation?
Ulrich Heindl: Wir bei GTS haben uns bereits vor acht Jahren entschlossen, neben der digitalen Plattform RADIX Tree die fachliche Unterstützung unserer Kunden in den Mittelpunkt zu stellen. Unter anderem bieten wir auch Hilfe und Schulungen zu diesen Fragestellungen an:
Angesichts der sehr komplexen Anforderungen empfehlen wir den Unternehmen, auf bewährte Prozesse und vorhandenes Wissen zurückzugreifen. Neben den technischen Fragen – verursacht beispielsweise durch branchenspezifische Lieferketten und Rohstoffe – spielt natürlich auch die Menge der Daten, deren Beschaffung, Verarbeitung und Speicherung eine riesige Rolle. Selbst für kleinere Unternehmen kann das Datenmanagement schnell zu einer Herausforderung werden. Austauschmechanismen wie E-Mail, Excel-Dateien, PDFs, etc. reichen bei Weitem nicht mehr aus, um die notwendigen Aufgaben zeit- und kosteneffizient zu erledigen. Wir empfehlen daher Unternehmen – unabhängig von ihrer Größe – auf digitale Lösungen zurückzugreifen. Der Einsatz vordefinierter, bewährter und etablierter Lösungen ist effizient, reduziert Zeit und Kosten, bietet ein hohes Maß an Anwendungssicherheit und hält Prüfungen durch die Behörden stand.
Herr Kaldenhoff, was führt GTS und SAP als Partner zusammen?
Mathias Kaldenhoff: Ebenso wie SAP durch ihre Business Netzwerke, beim Ausrollen der Industry Cloud und nicht zuletzt bei SAP RISE* hat auch GTS früh erkannt, dass organisationsübergreifende Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Perspektiven nur mit einem Cloud-Ansatz wirklich gut umgesetzt werden kann. Dies ist speziell in der Abbildung der Regulatorik fast schon ein Muss.
Dementsprechend habe ich GTS bereits als Cloud-Partner kennengelernt. Nach einem sehr interessanten Austausch über Lösung und Potenzial haben wir gemeinsam Ziele einer Integration in SAP-Umgebungen definiert, ohne die Autorität und das geistige Eigentum der GTS infrage zu stellen. Der Schritt, unsere vielseitige SAP® Business Technology Platform mit all ihren Integrationsmöglichkeiten zu nutzen und Kunden im Lieferantenmanagement mit vereinten Kräften zu begleiten, war dann nur ein kurzer und logischer.
Neue Gesetzesvorhaben bringen in der Regel Bewegung in einen Markt. Wie schätzen Sie das LkSG ein? Rücken nun neben der heiß diskutierten Lieferfähigkeit die Lieferbedingungen in den Mittelpunkt?
Ulrich Heindl: Gesetzliche Vorgaben sind oftmals nur so effektiv, wie Behörden die Strenge der Überwachung bemessen. Sowohl das LkSG als auch der Vorschlag zu entwaldungsfreien Lieferketten sehen drastische Strafen bei nicht Einhaltung der Vorschriften vor. Weiterhin wird die Überprüfung durch die Behörden im Vergleich zu Gesetzen in der Vergangenheit deutlich stringenter geregelt. Somit steigt auch das Risiko für Unternehmen, falls diese die gesetzlichen Vorgaben nicht mit Konsequenz implementieren.
Wir sehen bereits jetzt bei Unternehmen aus unserem Kundenportfolio, dass neben den traditionellen Lieferkriterien Verpflichtungen zur Compliance Teil der Kontrakte werden und ein Nichteinhalten dieser Vereinbarung mit Sanktionen belegt werden.
Dieser Trend wird sich fortsetzen und Unternehmen werden vermehrt auch ihre Lieferketten mit in die Verantwortung nehmen. Wir sehen diesen Trend allerdings nicht nur für gesetzliche Vorgaben, sondern auch zunehmend für unternehmensinterne Kriterien wie beispielsweise einem CO2/GHG Footprint für Rohstoffe. Die Bedeutung des Rohstoffpreises wird dadurch nicht in den Hintergrund treten, allerdings werden weitere Parameter an Bedeutung gewinnen und in einer Gesamtbetrachtung der Wertschöpfung eine zunehmende Rolle spielen.
Mathias Kaldenhoff: Neben all den Möglichkeiten zur Einhaltung und Überwachung regulatorischer Verpflichtungen und der damit verbundenen zunehmenden Transparenz der Lieferkette bietet das LkSG bzw. das kommende europäische Lieferkettengesetz Chancen zur Digitalisierung von Prozessen, die die Anwender in vielfältiger Weise für nachhaltiges wirtschaftliches Handeln nutzen können. Begriffe wie „Kreislaufwirtschaft“ mit ihrem biologischen Kreislauf, aber auch Begriffe wie „verantwortungsvolles Design und Produktion“, die EU-Taxonomie oder ESG-Reporting kommen in den Sinn.
Insofern ist das LkSG keine regulatorische Fessel, sondern Chance, Ausgangspunkt und Keimzelle einer erweiterten nachhaltigen Ausrichtung der Unternehmen. Ganz im Sinne meines Lieblingsthemas – der sogenannten Twin Transformation**.
Das LkSG tangiert gleichzeitig mehrere Bereiche eines Unternehmens. Welche Abteilungen sollten involviert sein?
Ulrich Heindl: Sowohl das LkSG als auch das Gesetz zu entwaldungsfreien Lieferketten betreffen in der Regel verschiedene Bereiche in einem Unternehmen. Angefangen von Produktentwicklung über Einkauf, Produktion, Qualitätsmanagement, Nachhaltigkeit, interne IT und nicht zuletzt der Rechtsabteilung sind ganz verschiedene Disziplinen involviert. Die Tatsache, dass unterschiedliche Stakeholder einzubeziehen sind, erfordert eine koordinierte Definition der Ziele und einen Prozess, der effizient das Erreichen diese Ziele unterstützt. Auch deshalb bietet es sich an, auf erprobte Methodik, Vorgehensweisen und Know-how zurückzugreifen
Herr Kaldenhoff, eine große Anzahl von Unternehmen setzt bereits auf SAP-Produkte für die Abwicklung ihrer Einkaufs-, Beschaffungs- und Abrechnungsvorgänge. An welchem Punkt setzt nun eine gemeinsame Lösung mit der GTS an?
Mathias Kaldenhoff: Dies kann mehrere Bereiche betreffen. Bestehende GTS-Kunden – und das sind meines Wissens recht viele und nicht nur KMU – profitieren von einer erweiterten und schnelleren Integration in die genannten Lösungen. Die Teilnehmer der Lieferkette haben die Möglichkeit, den Ursprungsnachweis in ihrem Warenwirtschaftssystem für jedes Folgesystem abzubilden und weiterzugeben; externe Prüfungen sind nicht mehr notwendig. Darüber hinaus glaube ich, dass unser gemeinsamer Weg schnellere Entscheidungen zu alternativen Lieferanten ermöglicht. Gerade bei Bio-Rohstoffen oder Lebensmitteln. Das haben wir gerade in einer Krisenzeit mit dem Rohstoff Holz erlebt und gemeistert.
In einem ersten Schritt werden größere Unternehmen zur Einhaltung des LkSG verpflichtet, die Ausweitung auf mittelständische Unternehmen ist bereits absehbar. Um für die Zukunft des aufkommenden Green Sourcing wettbewerbsfähig zu sein – welche Einflussfaktoren, Branchentrends, neue Marktdesigns gibt es noch zu beachten?
Ulrich Heindl: Sowohl das LkSG als auch das Gesetz zu entwaldungsfreien Lieferketten betreffen nicht nur die großen Unternehmen, sondern immer auch die vorgelagerten Lieferketten und damit mittelständische Unternehmen bis hin zu Kleinstproduzenten. Mittelfristig wird es Unternehmen, die sich nicht den Anforderungen an Legal Compliance, Nachhaltigkeit oder dem Schutz von Arbeits- und Menschenrechten anpassen, kaum möglich sein in bestimmten Märkten zu agieren.
Es ist vielmehr zu erwarten, dass die oben genannten Kriterien ein fester Bestandteil im Handel mit Produkten werden und langfristig Rohstoffe, die diese Anforderungen nicht erfüllen, kaum einen Absatz in den entwickelten Märkten finden.
Damit werden sich auch neue Geschäftsmodelle etablieren, die über den reinen Ansatz der Preiswürdigkeit und minimalen Qualitätsanforderungen hinausgehen.
Mathias Kaldenhoff: Unser jetziges Handeln in diesem Kontext wird auch die Resilienz globaler Lieferketten beeinflussen und mit darüber entscheiden, ob Lieferanten im internationalen Wettbewerb bestehen können. Neue Marktsegmente werden entstehen, globale und/oder lokale Lieferketten gestärkt oder geschwächt.
Vielen Dank für das Gespräch!
*SAP RISE: All-in-One-Lösung, um Unternehmen den Weg der digitalen Transformation zu vereinfachen
**twin transformation: Die digitale Transformation und die gleichzeitige Ausrichtung auf nachhaltigeres Wirtschaften wird aufgrund vieler Überschneidungen als „Twin Transformation“ bezeichnet.






